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10.10.19 Von: fa

Unfall mit Zug fordert 40 zum Teil Schwerverletzte

Katastrophenschutzübung: Feuerwehr, THW, Rotes Kreuz und agilis üben Massenanfall von Verletzten


Ebern -  Mit rund 260 Einsatzkräften waren Feuerwehr, Bayerisches Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk am Freitag in den Nachtstunden im Großeinsatz. Am Bahnübergang an der Hetschingsmühle zwischen Ebern und Lind fand eine mehrstündige Katastrophenschutz-Übung statt.

 Ziel der Übung war einerseits das Zusammenspiel von Feuerwehr, Bayerischem Roten Kreuz, Technischem Hilfswerk und der Integrierten Leitstelle Schweinfurt unter möglichst realen Bedingungen praktisch zu erproben. Andererseits wurde ein Augenmerk auf die zeitlichen Abläufe sowie die an der Einsatzstelle besonderen logistischen Herausforderungen gelegt. 

Das Szenario war spektakulär und alle Beteiligten hoffen, dass es zu einem solchen Unglück niemals wirklich kommt. „Dennoch wollen wir auf so ein Ereignis vorbereitet sein“, sagte der stellvertretende Katastrophenschutzbeauftragte des BRK im Landkreis Haßberge, Jürgen Geisel, der seitens des Roten Kreuzes gemeinsam mit Kreisbereitschaftsleiter Stefan Funck die Vorbereitungen getroffen hat. Zusammenstöße zwischen Fahrzeugen und Zügen auf der Strecke Bamberg-Ebern hat es in den letzten Jahren an Bahnübergängen immer wieder gegeben, glücklicherweise meist mit glimpflichen Ausgang.

„Für alle Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW und Rotem Kreuz war diese Übung eine ganz besondere Herausforderung“, zeigte Kreisbrandinspektor Thomas Habermann sicher, der seitens der Feuerwehr zusammen mit Kreisbrandmeister Ralph Morgenroth Übungsleiter war und im Vorfeld einen Großteil der Organisation übernommen hat.Es ist Freitag, kurz vor 20.30 Uhr, als ein Zug des privaten Eisenbahnunternehmens agilis den beschrankten Bahnübergang an der Hetschingsmühle passiert. Dabei kommt es zu einem folgenschweren Zusammenstoß mit einem Pkw, dessen Fahrer die geschlossenen Halbschranken bei Rotlicht noch schnell passieren will. Umgehend leitet der Zugführer eine Notbremsung ein, kann die Kollision mit dem Auto aber nicht mehr verhindern.

Das Auto, in dem sich vier Personen befinden, wird auf den Gleisen vor dem Zug hergeschoben, der rund 150 Meter nach dem Bahnübergang zum Stehen kommt. Zwei weitere Autos werden erfasst und zur Seite geschleudert. Eines kommt auf der Seite im Graben zum Liegen, das andere wird eine Böschung hinunter geschleudert und beginnt zu brennen. Der Fahrer eines vierten Pkw, der sich gerade dem Bahnübergang nähert, erschrickt und fährt in die Böschung.Während in dem brennenden Fahrzeug ein Insasse eingeklemmt ist und das Unglück nicht überlebt, sind in den anderen Fahrzeugen insgesamt sieben Personen eingeklemmt und zum Teil lebensgefährlich verletzt. Auch im Zug, der zu diesem Zeitpunkt mit Dutzenden Personen besetzt ist, werden zwölf Fahrgäste schwer und zehn leicht verletzt. Das brennende Auto setzt zudem Teile des Bahndamms in Brand, Flammen lodern weithin sichtbar in den Nachthimmel.Bereits eine Minute nach dem Unglück erreicht ein erster Notruf eines Zugfahrgastes über Handy die Integrierte Leitstelle (ILS) in Schweinfurt. Es ist von ein „paar Verletzten“ die Rede. Parallel dazu setzt der Zugführer über ein internes System einen Notruf bei der Bahnleitstelle ab. Sofort alarmiert die ILS nach einem festgelegten Alarmierungsplan mit dem Stichwort „Verkehrsunfall, Zug gegen Pkw“ zwei  Rettungswagen, ein Krankentransportwagen, ein Notarzteinsatzfahrzeug und den Einsatzleiter Rettungsdienst sowie die Feuerwehren aus der Umgebung.

Knapp fünf Minuten nach dem Alarm trifft ein Rettungswagen der rund vier Kilometer entfernten BRK-Rettungswache Ebern am Unglücksort ein. Die Besatzung erkennt sofort, dass es eine größere Anzahl Verletzter gibt und lässt über die ILS weitere Rettungskräfte nachalarmieren. Unter dem Einsatzstichwort „Massenanfall von Verletzten“ werden weitere Einheiten alarmiert – ein Großeinsatz für zahlreiche Einheiten aus der gesamten Region, auch benachbarter Landkreise, nimmt seinen Anfang.

Auch die Feuerwehren aus Ebern, Rentweinsdorf, Treinfeld und Untermerzbach sind wenige Minuten nach dem Alarm am Einsatzort, verschaffen sich einen ersten Überblick, beginnen mit der Brandbekämpfung sowie der technischen Rettung der in den Fahrzeugen eingeklemmten Personen, wobei mit mehreren Rettungsscheren und -spreizern gleichzeitig gearbeitet wird. Zudem werden von den Feuerwehrleuten Verletzte betreut und aus dem Gefahrenbereich gebracht. Weitere Feuerwehren werden nachalarmiert.

Nach und nach treffen an der Einsatzstelle rund 260 Rettungskräfte von Feuerwehren, Rotem Kreuz und Technischem Hilfswerk ein. BRK-Rettungsdienst und BRK-Schnelleinsatzgruppen sind mit 42 Fahrzeugen vor Ort, darunter auch Rettungs- und Krankentransportwagen aus den Landkreisen Coburg, Bamberg und Schweinfurt. Die Feuerwehr hat 25 Fahrzeuge im Einsatz, auch das THW ist mit mehreren Spezialfahrzeugen und einem so genannten „Bahnrettungssatz“, inklusive zwei auf den Gleisen fahrbaren Draisinen, dabei. Alarmiert wird ebenfalls ein Notfallmanager der Deutschen Bahn.

Sie alle üben nun gemeinsam die Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten. Neben der Zeit ist die Logistik bei einer solchen Rettungsdienstlage eine besondere Herausforderung. Verletzte müssen erfasst, kategorisiert, medizinisch versorgt und registriert werden, ebenso müssen von der ILS geeignete Krankenhäuser gefunden und deren Aufnahmekapazität abgefragt werden. Schließlich beginnt der Transport in die Kliniken der Region.

Das Team des als erstes an der Unfallstelle eintreffenden Rettungswagen kann sich bei einem Massenanfall von Verletzten nicht um die Versorgung von Patienten kümmern, das ist die Aufgabe der anschließend ankommenden Rettungsteams. Denn zunächst gilt es, sich einen Überblick über die Gesamtsituation zu verschaffen, die Lage zu erkunden und eine Rückmeldung an die Integrierte Leitstelle zu geben. Ebenfalls muss der Raum geordnet werden, wobei für nachrückende Einheiten beispielsweise ein Bereitstellungsraum festgelegt wird. Dort sammelt sich ein Großteil der Rettungsfahrzeuge, um an der Einsatzstelle nicht für verstopfte Straßen zu sorgen. Ebenfalls werden verschiedene Einsatzabschnitte gebildet, um so Struktur in ein anfänglich naturgemäß vorhandenes Chaos zu bringen.

Während Feuerwehr und THW sich um die Befreiung von Eingeklemmten kümmern und gemeinsam mit dem Rettungsdienst nicht gehfähige Patienten aus dem Zug retten, ist es Aufgabe des ersten Rotkreuzteams eine gemeinsame Einsatzleitung mit allen anderen Rettungsorganisationen zu bilden, während das zweite Team gemeinsam mit einem Notarzt mit der so genannten Sichtung der Verletzten beginnt. Dabei werden die Patienten nach einem festgelegten Schema innerhalb kürzester Zeit untersucht und so ermittelt, welcher Sichtungskategorie sie zuzuordnen sind.  Anhand dieser Kategorie werden die Verletzten anschließend nach Dringlichkeit und der Schwere ihrer Verletzungen medizinisch behandelt und abtransportiert.

„Gerade für die erste Rettungswagen-Besatzung ist ein solcher Massenanfall von Verletzten eine besondere Herausforderung und Belastung“, sagt Michael Will, Pressesprecher des BRK-Kreisverbandes Haßberge. „Denn im Alltag ist das Team gewohnt, sich in aller Regel nur um einen Patienten zu kümmern, beispielsweise wenn jemand mit einem Herzinfarkt versorgt werden muss – Individualmedizin also.“ Bei einem solchen Massenanfall kann aber genau das nicht geleistet werden. „Hier gilt es, sich einen Überblick zu verschaffen, Rückmeldung an die Leitstelle zu geben, weitere Einheiten nachzufordern sowie logistische und taktische Strukturen aufzubauen.“

Das erste Team muss also die logistische und keine medizinische Komponente übernehmen, damit der Gesamteinsatz funktioniert. „Für die Rettungsdienstmitarbeiter ist das belastend, da sie sich nicht um Schwerverletzte kümmern können und dürfen.“ Aber nur so kann gewährleistet werden, dass durch wichtige Entscheidungen am Anfang anschließend möglichst viele Verletzte adäquat gerettet und vor allem die wirklich Schwerverletzten frühzeitig identifiziert, versorgt und abtransportiert werden können.“ 

„Einfach gesagt geht es bei einem Massenanfall von Verletzten nicht darum, jeden einzelnen Patienten möglichst schnell und optimal zu versorgen, sondern zu versuchen, möglichst viele Patienten zu retten und deren Überleben zu sichern“, beschreibt Michael Will die Vorgehensweise. So wird in Bayern anhand der so genannten MAN-Richtlinie, einem erprobten Konzept zur Rettung und Versorgung einer hohen Anzahl von Patienten, gehandelt, beispielsweise bei großen Unglücken (Zugunglück in Bad Aibling, Explosion im Schaeffler-Werk Eltmann, Massenunfall auf der Autobahn bei Knetzgau, Terroranschläge etc.). „So gelingt es, die wirklich lebensgefährlich Verletzten schnell zu identifizieren und zur Weiterbehandlung in Kliniken zu transportieren, wobei ein Patient beispielsweise mit einer zwar schmerzhaften aber nicht lebensbedrohlichen Armfraktur mitunter länger auf seinen Transport in eine Klinik warten muss.“

An der Einsatzstelle wurden bei der Katastrophenschutzübung zwei so genannte strukturierte Patientenablagen eingerichtet; dorthin wurden die Schwer- und Leichtverletzten aus dem Gefahrenbereich gebracht und versorgt, bevor anschließend der Abtransport mit Rettungsfahrzeugen in Kliniken (hier: Rotkreuzhaus Ebern) erfolgte.

Insgesamt waren bei der Übung 40 Verletzte zu versorgen. Sie wurden von Mimen gespielt, die zuvor vom BRK-Team der Unfalldarstellung unter Leitung von Melanie Popp mit realistisch aussehenden Verletzungen geschminkt wurden.

Für die Einsatzkräfte von Feuerwehr und THW waren nach Worten von FFW-Übungsleiter Thomas Habermann die Weitläufigkeit der Unfallstelle, unwegsames Gelände, die Dunkelheit und das Zubringen der technischen Geräte die größten Herausforderungen, ebenso die Ausleuchtung der rund 200 Meter langen Einsatzstelle. Für die Feuerwehr bildete die Übung den Abschluss des Feuerwehr-Schulungskonzeptes „Gruppenführer und Abschnittsleiter“ in der Praxis.

 Die Einsatzübung wurde unter anderem von Landrat Wilhelm Schneider, BRK-Kreisgeschäftsführer Dieter Greger, Bürgermeistern, Vertretern der Feuerwehrdienstaufsicht, des Landratsamtes, agilis, der Polizei und weiteren Ehrengästen verfolgt.

Das private Eisenbahnunternehmen agilis hatte großen Anteil an der erfolgreichen Durchführung der Katastrophenschutzübung. Eigens hierfür wurde ein Streckenabschnitt sowie ein Zug zu Übungszwecken bereitgestellt. „Der Austausch und die Zusammenarbeit mit den Feuerwehren und Einsatzkräften ist uns sehr wichtig, da auch wir im Ernstfall darauf angewiesen sind, gut geschulte Einsatzkräfte vor Ort zur Verfügung zu haben. Wir möchten uns an dieser Stelle für den ehrenamtlichen Einsatz bedanken und unterstützen gern“, betonte Dr. Axel Hennighausen, Geschäftsführer von agilis.

Nach der Übung gab es an der Rettungswache in Ebern einen Imbiss für alle Teilnehmer. Dazu hat die Schnelleinsatzgruppe Verpflegung der BRK-Bereitschaft Hofheim mit Köchin Christina Ulbrich eine deftige Gulaschsuppe und eine rustikale Gemüse-Kartoffel-Suppe mit Bauernbrot aus der BRK-Feldküche vorbereitet.

 



Text: BRK Ebern - Michael Will

Bilder: Michael Will, Rudi Hein